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Usability und User Experience von Adventskalendern

Benutzer von Adventskalendern haben durchaus unterschiedliche Ansprüche. Was ist Ihnen wichtig — jeden Morgen möglichst schnell an den zur Vermeidung von Unterzuckerung dringend benötigten Inhalt kommen oder lieber am Feierabend bei Kerzenschein in aller Ruhe und Gemütlichkeit das wunderschöne Gesamtbild betrachtend das richtige Türchen suchen und sich dann erstaunt über den Inhalt freuen?

Zum Glück gibt es für alle Ansprüche etwas Passendes.

 

Hohe Gebrauchstauglichkeit …

Adventskalender ohne Bild mit gleich großen Türchen in einer 3x8-Matrix der Reihe nach durchnumeriert

Mit ihrer vorweihnachtlichen Gabe für Kunden, Partner und Freunde hat die Firma QuinScape ihr Motto „Vereinfachung nützlich machen” perfekt umgesetzt und ein Muster an Gebrauchstauglichkeit geschaffen.

Eine noch höhere Effizienz dürfte bei einem Adventskalender schwerlich zu erreichen sein. Ohne eine klassische Evaluation mit 2 ½ Probanden durchgeführt zu haben, kann man wohl trotzdem behaupten, dass die Zeit zum Auffinden des richtigen Türchens mit keinem anderen Design noch weiter minimiert werden kann. Dass die Effektivität gegeben ist, versteht sich wohl von selbst. Und auch die Zufriedenstellung ist nach Öffnen des jeweiligen Türchens und Verzehren des Inhalts gesichert.

Darüber hinaus ist dieser Adventskalender auch weitestgehend barrierefrei. Nach einmaliger Erklärung der Anordnung der Türchen lässt sich das passende Türchen auch im Dunkeln taktil finden.

 

Gefühlvolles Benutzererlebnis …

Adventskalender mit weihnachtlichem Bild und kaum erkennbaren Beschriftungen der Türchen

Ganz anders stellt sich dieser im Handel erhältliche und durchaus von vielen Personen gekaufte Adventskalender dar. Schon auf den ersten Blick findet man zahlreiche Verstöße gegen DIN EN ISO 9241 Teil 12 und Teil 110.

Bezüglich Teil 12 lässt sich feststellen, dass von den charakteristischen Eigenschaften der dargestellten Information kaum eine wirklich erfüllt ist. Die Klarheit leidet unter dem sehr detaillierten Bild, das eigentlich auch gar nicht erforderlich ist, so dass auch die Kompaktheit nicht gegeben ist. Aufgrund des unruhigen Hintergrundbildes leidet die Lesbarkeit der Türchenbeschriftungen, und die Unterscheidbarkeit zwischen Türchenbeschriftung und Bild ist nicht wirklich gegeben. Die Erkennbarkeit ist ebenfalls nicht erfüllt, weil die Aufmerksamkeit des Benutzers nicht auf die Türchen geführt, sondern durch das Bild abgelenkt wird. Dass die Türchennumerierungen jeweils in einem Stern angezeigt werden, ist nicht von vornherein verständlich. Nicht einmal das Kriterium der Konsistenz ist erfüllt, weil die Türchenbeschriftungen zwar alle durch Ziffern in einem Stern dargestellt werden, aber diese Beschriftungen völlig willkürlich in ihrer Lage auf dem jeweiligen Türchen angebracht sind. Von den Grundsätzen der Dialoggestaltung ist zumindest die Erwartungskonformität nicht erfüllt — oder sind Sie es gewohnt, dass Adventskalender 31 Türchen haben?

Auf eine detailliertere Untersuchung sei hier verzichtet, denn es wird schnell deutlich, dass dieser Kalender aus ergonomischer Sicht äußerst schlecht gestaltet ist. Erstaunlicherweise wird er trotzdem gerne gekauft (und hat insofern einiges mit dem am weitesten verbreiteten PC-Betriebssystem gemeinsam). Allerdings loben die Benutzer dieses Kalenders zu großen Teilen das Benutzererlebnis. Positiv hervorgehoben werden hierbei das aus ergonomischer Sicht unnötige Bild („nettes nostalgisches Weihnachtsbild”), die nicht effiziente Anordnung der Türchen („freue mich immer, das nächste Türchen suchen zu dürfen”), der grobe Verstoß gegen die Erwartungskonformität („toll, dass der Kalender bis Silvester geht”) sowie die Marke („N… macht wirklich leckere Süßigkeiten”).